Forschungszentrum Borstel
Forschungszentrum Borstel

Press release

An alle Großen und Kleinen: Mund auf gegen Tuberkulose - Und kräftig Kauen!

Dr. Christian Herzmann bei der Weiterentwicklung seiner Idee: Ein Kaugummi zur Diagnose von Lungentuberkulose (TB).

In den letzten Jahrzehnten ist die Tuberkulose erneut zu einer weltweiten Gefahr für die Gesundheit der Menschen erwachsen. Die Zahl der Betroffenen, unter ihnen auch viele Kinder, steigt an. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) macht deutlich: Im Jahr 2011 erkrankten weltweit 8,7 Millionen Menschen an TB und 1,4 Millionen starben daran. Jährlich erkranken mindestens 500.000 Kinder an TB, und bis zu 70.000 sterben an dieser Krankheit.


Tuberkulose ist eine bakterielle Erkrankung. In 80% der Fälle wird die Lunge von dem Erreger Mycobacterium tuberculosis infiziert. Patienten, die an einer aktiven Tuberkulose leiden, können andere Menschen leicht anstecken und müssen behandelt werden. TB kann ohne geeignete Behandlung tödlich verlaufen. Eine schnelle und eindeutige Diagnose ist deshalb essentiell. Die Diagnose der Lungentuberkulose beruht unter anderem auf der Untersuchung des sogenannten Sputums der Patienten. Es handelt sich hierbei um die ausgehustete Absonderung der Atemwegsschleimhaut, in der die Bakterien zu finden sind. Dieser Auswurf wird auf die Präsenz der Krankheitserreger mikroskopisch und molekularbiologisch untersucht.


Eine exakte Diagnose ist bei Kindern eine besondere Herausforderung, da sie nicht in der Lage sind, Sputum zu produzieren. Selbst diejenigen, die an einer aktiven TB leiden schlucken den Auswurf eher herunter, als ihn auszuspucken. „Um eine klare Tb-Diagnose bei Kindern erstellen zu können, müssen die Erreger entweder durch eine Magensaftaspiration oder durch eine Bronchoskopie nachgewiesen werden. Das sind invasive Eingriffe, bei denen die Kinder in eine kurze Narkose versetzt werden müssen“, so Herzmann. „Beide Untersuchungsmethoden sind für die Kinder unangenehm und außerdem aufwendig und teuer.“ Bei einer Magensaftaspiration wird bei den Patienten ein Teil des Magensaftes entnommen, bei der Bronchoskopie wird ein Teil der Bronchien mit einer bestimmten Flüssigkeit durchgespült, so dass Zellen, die sich dort befinden, aufgefangen werden können.


Kindheits-Tuberkulose wird oft nicht diagnostiziert und in Folge dessen in der öffentlichen Wahrnehmung ebenso wie bei den Geldgebern für Forschung und Entwicklung vernachlässigt. Die Etablierung einer günstigen und schnellen Diagnosetechnik, mit der aktive TB erkannt und die in jeder klinischen Einrichtung auf der Welt eingesetzt werden kann, würde besonders Kindern zu Gute kommen. Gerade bei Heranwachsenden ist eine frühe Diagnose zwingend erforderlich, um das Voranschreiten der Erkrankung zu verhindern.


Herzmanns Idee ist es, ein Kaugummi zu entwickeln, das die Erreger der TB spezifisch binden kann. Besonders in Ländern in denen die Tuberkulose weit verbreitet ist und keine flächendeckende medizinische Infrastruktur besteht, wären die Kaugummis ohne medizinische Überwachung anwendbar. Die Bakterien wären in der Gummimatrix gebunden, sodass so keine unmittelbare Ansteckungsgefahr von ihnen ausginge. In einem Analyselabor kann die Kaugummimatrix chemisch so behandelt werden, dass die sich darin befindenden Mykobakterien freigesetzt werden und genau charakterisiert werden können. „Als ich von einem Kollegen aus Belgien erfuhr, dass es möglich ist, Ratten so trainieren, dass sie Tuberkulose um Auswurf bei erkrankten Menschen riechen können, habe ich mich gefragt, ob ein Kaugummi eines Tuberkulosepatienten anders riecht als ein Kaugummi eines gesunden Menschen“, erzählt Herzmann. „Daraus entwickelte sich die Frage, ob es gelingen kann Tuberkuloseerreger an ein Kaugummi zu binden. Und dieser Frage gehen wir jetzt intensiv nach.“