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Foto: Adobe Stock

24.03.2026

Welt-Tuberkulose-Tag: Medizinische Innovationen allein besiegen die Epidemie nicht

Zum heutigen Welt-Tuberkulose-Tag erscheint eine neue Folge des Podcasts „Mikroben im Visier“ des Forschungsverbunds Leibniz INFECTIONS. Darin gibt Prof. Christoph Lange detaillierte Einblicke in die aktuelle Forschung und die Herausforderungen der globalen Tuberkulose-Bekämpfung und erklärt, warum die tödlichste Infektionskrankheit der Welt trotz moderner Medizin nicht weicht.

Die Tuberkulose (TB) gehört zu den ältesten bekannten Infektionskrank­heiten und ist dennoch hochaktuell. Trotz moderner Medizin verharren die Fallzahlen auf einem sehr hohen Niveau: Nach Schätzungen erkrankten im Jahr 2024 weltweit 10,7 Millionen Menschen an Tuberkulose; mehr als 1,2 Millionen starben daran. Besonders stark betroffen sind Länder in Süd­ostasien und Afrika. Damit ist sie weiterhin die häufigste tödliche Infektions­krankheit durch einen einzelnen Erreger. Zum Welt-Tuberkulose-Tag am 24. März widmet sich eine neue Folge des Wissenschaftspodcasts „Mikroben im Visier“ dieser globalen Herausforderung. Zu Gast ist der Lungenarzt, Infek­tiologe und Tuberkuloseforscher Professor Christoph Lange, Medizinischer Direktor des Forschungszentrums Borstel, Leibniz Lungenzentrum.

Ein Erreger im biologischen Versteck

Verursacht wird Tuberkulose durch das Bakterium Mycobacterium tubercu­losis. Die Übertragung erfolgt über die Luft, meist durch Husten oder Niesen infizierter Personen. „Beim Husten entstehen winzige Tröpfchen, die lange in der Luft schweben können“, erklärt Lange. Viele Infektionen bleiben zu­nächst unbemerkt. Schätzungen zufolge hat etwa ein Viertel der Weltbevöl­kerung Kontakt mit dem Erreger, aber nur 5 bis 10 Prozent entwickeln eine aktive Erkrankung.

Ein Grund für die schwierige Kontrolle der Krankheit ist die Fähigkeit der Bak­terien, lange im Körper zu verbleiben. Das Immunsystem kapselt die Erreger häufig in sogenannten Granulomen ein. „Die Bakterien können sehr wahr­scheinlich ein Leben lang in einem menschlichen Körper überleben“, erklärt Prof. Lange. Diese latenten Infektionen können jederzeit aktiv werden, wenn das Immunsystem nicht mehr in der Lage ist, die Erreger in Schach zu halten.

Armut und Krieg sind Treiber der Tuberkulose

Zum Welt-Tuberkulose-Tag betont Lange, dass Tuberkulose weit mehr als ein rein medizinisches Problem ist. Als Hauptrisikofaktor gilt weltweit die Man­gelernährung, gefolgt von Diabetes, Rauchen, Alkoholabhängigkeit und HIV-Infektionen. „Das Entscheidende ist der Unterschied zwischen Arm und Reich, der Unterschied zwischen Zugang zum Gesundheitssystem oder kei­nem Zugang“, so Lange.

Wie stark politische und soziale Faktoren wirken, zeigt der russische Angriffs­krieg gegen die Ukraine. Innerhalb von zwei Jahren nach der russischen Inva­sion stieg die Tuberkulose-Inzidenz in der Ukraine massiv an, nachdem sie in den zehn Jahren zuvor deutlich zurückgegangen war. Zudem spielen multi­resistente Tuberkuloseerreger eine zunehmende Rolle. Diese sind gegen wichtige Standardmedikamente resistent und deutlich schwieriger zu behan­deln. In einigen Regionen Osteuropas, z. B. Russland, betrifft das bis zur Hälfte aller Fälle.

Forschung allein reicht nicht

Weltweit arbeiten Forschende, darunter auch Mitglieder des Forschungs­verbunds Leibniz INFECTIONS, an neuen Impfstoffen, Medikamenten und Diagnoseverfahren. 17 Impfstoffkandidaten befinden sich in der Entwick­lung, 20 Medikamente werden klinisch getestet, und es gibt zudem neue diagnostische Ansätze. Trotz dieser Fortschritte bleibt Tuberkulose eine kom­plexe Herausforderung. „Wir können die besten Medikamente und Impfun­gen haben“, sagt Lange. „Aber die sozialen Faktoren sind so stark, dass Forschung allein nicht ausreicht.“ Sein Fazit: „Wir werden Tuberkulose nur erfolgreich bekämpfen, wenn es mehr Gerechtigkeit, Wohlstand und Sicher­heit auf der Welt gibt.“

Der Podcast „Mikroben im Visier. Infektionen verstehen, Resistenzen besie­gen!“ ist auf allen gängigen Podcast-Plattformen verfügbar. Hier geht es direkt zur neunten Folge.

https://mikroben-im-visier.podigee.io/12-neue-episode

Über den Forschungsverbund Leibniz INFECTIONS

Antimikrobielle Resistenzen (AMR) sind eine wachsende globale Bedrohung für die Gesundheit. Seit 2015 untersucht der Forschungsverbund Leibniz INFECTIONS die Ausbreitung von Infektionen im Sinne des One-Health-An­satzes, der die enge Verbindung zwischen Mensch, Tier und Umwelt berück­sichtigt. Seit 2021 konzentriert sich die Forschung speziell auf die Entstehung und Verbreitung antimikrobieller Resistenzen.

Der Forschungsverbund Leibniz INFECTIONS bündelt die Expertise von 16 Leibniz-Instituten und weiteren wissenschaftlichen Partnern darunter das Robert-Koch und das Friedrich-Löffler-Institut. Durch die enge Zusammen­arbeit von Lebens-, Umwelt- und Ingenieurwissenschaften, Medizin, Agrar- und Sozialforschung schafft der Verbund Synergien, die weit über einzelne Fachdisziplinen hinausgehen. Ziel der gemeinsamen Forschung ist es, die Ent­stehung und Ausbreitung antimikrobieller Resistenzen umfassend zu verste­hen, Risiken frühzeitig zu erkennen und wissenschaftlich fundierte Lösungen für Prävention, Kontrolle und Behandlung zu entwickeln.

Webseite: https://leibnizinfections.de

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